l)Warum das Gehirn Pausen braucht — Stand der Lern- und Gedächtnisforschung
Neue Informationen werden nicht in dem Moment dauerhaft gespeichert, in dem sie aufgenommen werden. Nach heutigem Forschungsstand entstehen beim Lernen zunächst labile Spuren im Hippocampus; erst in einem zweiten Schritt werden sie in stabilere Netzwerke des Großhirns überführt. Diesen Vorgang bezeichnet die Gedächtnisforschung als Konsolidierung. Entscheidend ist, dass er zum großen Teil in Ruhephasen abläuft, also gerade dann, wenn der Lernende nicht mehr aktiv mit dem Stoff beschäftigt ist. Der Begriff verweist darauf, dass eine Spur zunächst instabil ist und durch passende Bedingungen gefestigt werden muss; ohne solche Bedingungen zerfällt sie rasch. Bereits kurze Unterbrechungen können die spätere Erinnerungsleistung erhöhen. In mehreren Experimenten erinnerten sich Versuchspersonen, die sich nach dem Lernen zehn Minuten ruhig verhielten, an mehr Einzelheiten als Probanden, die unmittelbar eine weitere Aufgabe begannen. Die Forschenden erklären diesen Effekt damit, dass während der Pause keine konkurrierenden Inhalte die frischen Spuren überschreiben. Ob die Pause mit geschlossenen Augen oder mit einem Spaziergang verbracht wird, scheint dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Auch die Art der Tätigkeit nach dem Lernen spielt eine Rolle: Wird sofort etwas Ähnliches gelernt, fallen die Ergebnisse schlechter aus als bei einer neutralen Beschäftigung. Eine besonders wirksame Form der Pause ist der Schlaf. Im Tiefschlaf werden die am Tag aufgenommenen Inhalte erneut abgespielt und mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft. Wird der Schlaf in der Nacht nach dem Lernen verkürzt, sinkt die Behaltensleistung deutlich. Aus diesem Grund empfehlen viele Lernratgeber, vor einer Prüfung ausreichend zu schlafen, statt bis in die Nacht hinein weiterzupauken. Der Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Behalten gilt in der Forschung als gut belegt, wenn auch die genauen Mechanismen weiterhin umstritten sind. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass nicht nur die Dauer, sondern auch die zeitliche Lage der Schlafphasen bedeutsam ist; vollständig geklärt ist dieser Zusammenhang jedoch nicht. Neben Ruhephasen spielt die zeitliche Verteilung des Lernens eine zentrale Rolle. Wer denselben Stoff über mehrere Tage verteilt wiederholt, behält ihn länger als jemand, der den Stoff in einer einzigen Sitzung durcharbeitet. Dieser als Intervalllernen bezeichnete Effekt gehört zu den am zuverlässigsten bestätigten Befunden der Lernpsychologie. Für die Praxis bedeutet das, dass lange Sitzungen am Stück weniger bringen als kürzere Einheiten mit Abstand. Interessanterweise empfinden viele Lernende das verteilte Lernen subjektiv als schwieriger, obwohl es objektiv bessere Ergebnisse erzielt. Daueraufmerksamkeit hat dagegen klare Grenzen. Nach etwa zwanzig bis dreißig Minuten ununterbrochener Konzentration lässt die Aufnahmefähigkeit messbar nach. Das Gehirn ermüdet nicht, weil ihm Energie fehlt, sondern weil sich bestimmte Botenstoffe in den relevanten Regionen erschöpfen. Deshalb gilt es als sinnvoll, anstrengende Lernphasen durch kurze Erholungszeiten zu unterbrechen. Vollständige Untätigkeit ist dafür nicht nötig; ein Wechsel der Tätigkeit kann denselben Zweck erfüllen. Kurze Schlafphasen am Tag, sogenannte Nickerchen, werden in diesem Zusammenhang ebenfalls untersucht, ohne dass ihre Wirkung bereits abschließend beurteilt wäre. Trotz dieser Befunde ist die Forschung nicht abgeschlossen. Viele Studien arbeiten mit kleinen Stichproben und mit Aufgaben, die nur begrenzt dem Lernen im Alltag entsprechen. Wie stark Pausen wirken, hängt zudem vom Alter, vom Vorwissen und von der Art des Materials ab. Eine allgemeine Regel, wie lange eine Pause sein muss, lässt sich aus den bisherigen Daten nicht ableiten. Offen ist auch, ob sich die beschriebenen Effekte mithilfe digitaler Lernprogramme gezielt verstärken lassen; belastbare Vergleiche zwischen gedruckten und digitalen Materialien fehlen bislang. Zudem wird diskutiert, ob die beobachteten Effekte teilweise auf die Erwartungen der Versuchspersonen zurückgehen. Kritisiert wird außdem, dass viele Ergebnisse aus Laboruntersuchungen stammen und sich nicht ohne Weiteres auf das Lernen im Alltag übertragen lassen.